Doppelte Expertise: Diabetes & Psyche
Innovative Reha in Bad Kissingen: Wenn Diabetes und Psyche gemeinsam behandelt werden.
Diabetes: Eine solche Diagnose stellt das Leben erstmal komplett auf den Kopf. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich um einen Typ-1-Diabetes handelt, der meist im Kindes- und Jugendalter beginnt. Kinder sehen oft nicht ein, dass nun auf Ernährung und Blutzuckermessung geachtet werden muss. Das bedeutet Stress für die Eltern und damit auch für das Kind. „Dass sie gefühlt nur noch an ihren Blutzuckerwerten gemessen werden, hat psychische Folgen für Kinder“, sagt Dr. Klaus Herrmann. Auch soziale Folgen bleiben oft nicht aus: Die Kinder erleben, dass sie gemieden oder gar ausgeschlossen werden von Klassenfahrten oder Schulsport, aus Unsicherheit und Vorurteilen gegenüber der Erkrankung. In der Pubertät kann dann Raum für neues Konfliktpotenzial entstehen: „Manche Jugendlichen lehnen sich auf und lassen den Diabetes schleifen, was ein Risiko für frühzeitige Folgeerkrankungen mit sich bringt“, so der Spezialist. Und die Folgeerkrankungen sind gerade so tückisch am Diabetes: Herz-Kreislaufsystem, Nieren-, Augen-, und Nervenschädigungen. Wer den Diabetes stark entgleisen lässt, riskiert, dass der Körper schon im jungen Erwachsenenalter Schäden erleidet, die sich nicht mehr umkehren lassen. Dr. Klaus Herrmann ist Ärztlicher Direktor der Klinik Saale der Deutschen Rentenversicherung Bund in Bad Kissingen und nicht nur Internist und Diabetologe, sondern auch Psychosomatiker und Psychotherapeut - eine Doppelqualifikation, die sehr selten ist. Wie sehr Diabetes und Psyche sich gegenseitig beeinflussen, sieht er täglich. Das gilt sowohl für den Typ-1- als auch für den Typ-2-Diabetes. Letzterer tritt erst später im Leben auf und wird durch eine Kombination aus Lebensstil und Veranlagung verursacht. Wer die Diagnose bekommt, sollte unbedingt seinen Lebensstil und die Ernährungsgewohnheiten ändern, denn so lässt sich die Erkrankung am wirksamsten bekämpfen. Aber Ernährung und Vorlieben über den Haufen zu werfen, das ist oft viel leichter gesagt als getan.

Die Psyche muss manchmal zuerst behandelt werden
Menschen, die lange Zeit gut mit ihrem Diabetes zurechtkamen, scheitern häufig, wenn ein psychisches Problem dazukommt: „Wer psychisch krank ist, zum Beispiel einen Schicksalsschlag erleidet, eine Depression, Burnout oder besondere Belastungen in seinem Leben erlebt, bringt oft nicht mehr die nötige Energie und Aufmerksamkeit für den Diabetes auf“, erläutert Dr. Herrmann. Dann gelingt es den behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu Hause oft nicht mehr, den Diabetes gut einzustellen. Mit einer Schulung und leitliniengerechten Empfehlungen allein ist es in solchen Situationen nicht mehr getan, so die Erfahrung des Diabetes-Spezialisten. Vielmehr muss erst die psychische Erkrankung behandelt werden, bevor man sich wieder dem Diabetes-Management zuwenden kann. Doch die Psyche beeinflusst nicht nur den Diabetes, sondern auch umgekehrt: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass durch die Diagnose Diabetes selbst psychische Erkrankungen entstehen können“, so Dr. Herrmann. Das kann zum Beispiel eine Spritzenangst sein oder überbordende Angst vor Folgeerkrankungen. Manche Patientinnen und Patienten steigern sich in diese Ängste hinein, fürchten sich übermäßig vor zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckerwerten. „Hyposurfen“ nennt man etwa eine Zwangsstörung, bei der die Betroffenen versuchen, den Blutzuckerwert konstant unter dem Normalbereich an der Unterzuckerungsgrenze zu halten, in der Vorstellung, so noch besser vor den Folgen geschützt zu sein. Tatsächlich entsteht dadurch aber eine weitere Folgeerkrankung, die Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung.
>> Je nachdem, auf welche Psyche die Erkrankung Diabetes trifft, können die psychischen Folgeerkrankungen ganz unterschiedlich ausfallen. <<
DR. HERRMANN
Neben Essstörungen wie Binge-Eating, Bulimie, Anorexie, Night-Eating, Grazing und Nibbling, findet sich beim Typ-2-Diabetes auch oft das emotionale Essen. Diese Essstörung haben wir über viele Jahre zusammen mit der Universität in Würzburg untersucht und eine eigene, achtsamkeitsbasierte Therapieform entwickelt. Eine spezielle Form von manipulativem Verhalten findet sich manchmal beim Typ-1-Diabetes, das sogenannte Insulin-Purging. Dabei wird absichtlich weniger Insulin als nötig gespritzt oder die Insulindosis ganz ausgelassen, um durch extreme Blutzuckerwerte einen Gewichtsverlust durch Wasserausscheidung über die Niere zu erzielen - mit schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen. „Je nachdem, auf welche Psyche die Erkrankung Diabetes trifft, können die psychischen Folgeerkrankungen ganz unterschiedlich ausfallen“, erläutert Dr. Herrmann. Weil die Wechselwirkungen zwischen Diabetes und Psyche so bedeutsam sind, wurde in Bad Kissingen bereits vor 26 Jahren eine eigene Abteilung für Psycho-Diabetologie gegründet, die im Rahmen eines Modellprojektes zur Zeit „Duale Reha“ heißt. „Damals war das eine Seltenheit, und das ist es auch heute noch“, so der Klinikchef. Über die Zeit sei sehr viel Expertise entstanden, von der die Patientinnen und Patienten heute profitieren - nicht nur, aber besonders dann, wenn bei ihnen neben dem Diabetes eine psychische Erkrankung vorliegt. Deshalb hat uns die Deutsche Diabetes Gesellschaft DDG nicht nur als Exzellenz-Zentrum für Diabetes mit höchstem Standard in der Diabetesbehandlung ausgezeichnet. Sondern wegen der besonderen Qualifikation in der Psycho-Diabetologie wurde auch die Sonderqualifikation „Diabetes & Psyche“ verliehen. Und das als erster Institution in Deutschland.