Wie der Wald bei der Genesung hilft
In einigen unserer Reha-Zentren, unter anderem im Reha-Zentrum Schömberg und Bad Steben, gehört die „aktive Erholung in Wald und Natur“ zum therapeutischen Angebot.
Welchen Untergrund spüre ich? Welche Naturgeräusche höre ich? Welche Bäume sehe ich? Die Wirkung des Waldes auf den Menschen ist gleichermaßen individuell wie umfassend. Wenig verwunderlich also, dass viele ihn als Ort der Erholung und Besinnung nutzen und beim Waldbaden den Wald mit allen Sinnen erleben. Auch in den Reha-Angeboten verschiedener Kliniken wird dieser natürliche Lebensraum mit seiner besonderen Wirkung auf den Menschen genutzt. „Beim Waldbaden geht es einerseits um die gezielte Lenkung der Aufmerksamkeit und andererseits um die bewusste Ausführung von Bewegung und die Konzentration auf sich selbst. Der Wald wird gleichermaßen zum Entspannungsraum, zum Trainingsgerät und zur Erlebnisplattform“, erklärt Martin Kleinhans, Psychologischer Psychotherapeut im Reha-Zentrum Schömberg im Nordschwarzwald. Allerdings wird die Therapie in der Klinik unter dem Begriff „aktive Erholung in Wald und Natur“ angeboten. „Wir haben uns bewusst für den Namen entschieden. Ähnlich wie das Wort Kur in den vergangenen Jahren durch Rehabilitation ersetzt wurde, wollen wir mit der Bezeichnung die Schwerpunkte auf Eigenaktivität, Selbstwirksamkeitserleben und Nachhaltigkeit legen. Natürlich verwenden wir auch das Wort Waldbaden“, so Kleinhans. Was ist Waldbaden? Auch für Dr. Bertram Geigner, Ärztlicher Direktor der Klinik Auental des Reha-Zentrums Bad Steben, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, hat das Waldbaden einen zentralen Stellenwert im Leistungsportfolio eingenommen. „Die Waldtherapie wirkt nachweislich positiv auf körperliche und seelische Gesundheit und eignet sich insbesondere zur Prävention stressbedingter Belastungen. Im Reha-Zentrum Bad Steben liegt ein besonderer Fokus auf der Behandlung chronischer Schmerzen“, so Dr. Geigner und er fügt hinzu: „In der verhaltensorientierten Rehabilitation sind chronische Schmerzen oft auch psychoemotional bedingt. Auch hier zeigt das Waldbaden seine Qualitäten.“ Mehr Lebensqualität durch Naturerleben – dass das besonders gut funktioniert, haben japanische Therapeutinnen und Therapeuten schon vor vielen Jahren erkannt. Dort als „Shinrin Yoku“ bekannt, gehört es seit 1982 zu einer anerkannten, gesundheitsfördernden Praxis, die teilweise von den Krankenkassen unterstützt wird. Eine Studie konnte sogar den positiven Effekt des Klimas, der Waldluft und der Umgebung auf unser Immunsystem nachweisen.

In Behandlung bei Dr. Wald „Der Wald schafft ein besonderes Schon-Klima. Im Sommer ist er kühler, im Winter wärmer und die Luft bleibt angenehm feucht. Für Menschen mit Atemwegserkrankungen wie COPD kann sich das erheblich auf die Atmung auswirken und diese wesentlich erleichtern“, erklärt Kleinhans. Schon früher wurden Tuberkulose-Patientinnen und -Patienten gezielt in Waldgebieten behandelt – heute profitieren vor allem Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen von dessen natürlicher Heilkraft. Neben dem Filtereffekt sind insbesondere die sogenannten Absonderungen der Bäume zu nennen, die als ausgesprochen gesund gelten. Dabei handelt es sich um flüchtige Kohlenstoffverbindungen, wie die Terpene. Wenngleich man sie nicht vom Namen her kennt, ist man ihnen als typischer Kiefernwaldgeruch mitunter oft begegnet. „Für das Waldbaden sind bestimmte Waldstrukturen entscheidend. Besonders geeignet sind artenreiche Mischwälder, lichte Nadelwälder und abwechslungsreiche Landschaften mit altem Baumbestand, natürlichen Gewässern und schmalen, gewundenen Wegen. Sind solche Wälder in der Nähe vorhanden, lässt sich das Waldbaden auch zu Hause nahtlos fortsetzen“, sagt Dr. Geigner, dessen Klinik inmitten des Frankenwaldes liegt.
Wie funktioniert Waldbaden begleitend zur Reha? Das Waldbaden als Therapieangebot in beiden Reha-Kliniken verfolgt dabei gleich mehrere Ziele. Patientinnen und Patienten mit Atemwegs- oder Gelenkbeschwerden, Schmerzen sowie Übergewicht erleben Natur auf eine Weise, die ihre Selbstwirksamkeit stärkt und positive Erfahrungen möglich macht. Der Wald dient als Raum für Bewegung, Erholung und den gemeinschaftlichen Austausch. Die enge Zusammenarbeit von Psychologie und Physiotherapie macht den bio-psycho-sozialen Ansatz der Rehabilitation spürbar und schafft einen ganzheitlichen Ansatz auf dem Weg zu mehr Wohlbefinden. Im Reha-Zentrum Schömberg beginnt das Waldbaden mit einer Einführung und aktiv geführten Wanderung inklusive praktischer Übungen. Im Anschluss setzen die Teilnehmenden alle durchgeführten Aktivitäten im Wald mit eigener Zielsetzung über zwei Wochen hinweg eigenständig um. Nach jedem „Ein- und Abtauchen“ in den Schwarzwald wird ein Protokollbogen ausgefüllt. „Nach der Zeit treffen wir uns erneut in der Therapierunde, tauschen Erfahrungen aus und legen die weitere Planung für zu Hause fest“, erzählt Kleinhans. Ein ähnliches Konzept wird auch in der Klinik Auental umgesetzt. „Unsere Patientinnen und Patienten erfahren die gesundheitlichen Vorteile des Waldbadens unter fachkundiger Anleitung und lernen, den Wald mit allen fünf Sinnen bewusst wahrzunehmen. Ergänzt wird das Waldbaden durch Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, die auch zu Hause fortgeführt werden können. So wird der Wald nicht nur durchquert, sondern in seiner ganzen Tiefe bewusst erlebt“, so Dr. Geigner.
5 Tipps, wie man präventiv zu Hause „waldbaden“ geht
- Schlendern statt Wandern Wirkliche Entspannung bringt ein achtsamer Spaziergang ohne festgelegtes Ziel oder Zeitdruck. Langsames Gehen lässt einen bewusst die Umgebung intensiver wahrnehmen. Atmen, den Boden unter den Füßen spüren und das Grün genießen – es entsteht eine tiefe Verbindung zur Natur.
- Natur mit allen Sinnen wahrnehmen Das leise Rascheln der Blätter, der Duft von Moos und Erde, die Struktur der Baumrinde – Waldbaden bedeutet, sich ganz auf die Sinne einzulassen. Eine bewusste Berührung, das Lauschen auf Geräusche oder das Beobachten des Lichtspiels in den Blättern schärfen die Wahrnehmung.
- Zwischendurch Pausen einlegen Regelmäßige Ruhephasen gehören zum Waldbaden dazu. Ein Sitzplatz auf einer Bank, ein Baumstamm oder eine Wiese sind hervorragende Optionen, einfach innezuhalten. Die Stille des Waldes hilft, zur Ruhe zu kommen, die Gedanken ziehen zu lassen und den Moment bewusst zu erleben. Dabei kann gerne auch eine kurze Meditation durchgeführt werden.
- Kreativität und Bewegung einbinden Der Wald lädt nahezu an jeder Ecke zum Entdecken ein. Wer Lust hat, legt ein Mandala aus Blättern, sammelt Steine oder sucht nach einem Spazierstock – all das fördert die Achtsamkeit. Gleiches gilt für sanfte Bewegungen wie Balancieren auf Baumstämmen oder leichte Dehnübungen, die den Körper stärken.
- Mit Atemübungen zur Ruhe kommen Ein ruhiger Platz beim Waldbaden lädt dazu ein, anzuhalten, sich hinzusetzen und einfach ganz gezielt den Atem zu beobachten. Tiefes Ein- und Ausatmen beruhigt das Nervensystem und versorgt den Körper mit frischem Sauerstoff. Besonders wirksam gegen Stress ist das langsame Verlängern der Ausatmung.